Art Fag
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Es war kurz nach elf als meine Gedanken verschwanden, die Geräuschkulisse des Fernsehers verstummte und ich in einen tiefen Schlaf fiel. Es kam mir vor als wären nur einige Minuten vorbei als ich ein lautes Geräusch hörte und aufwachte. Mir war nicht sofort klar was dieses Geräusch erzeugt hatte, doch spätestens als dumpfe Schritte auf der Treppe zu hören waren wurde mir klar, dass Chris gekommen war. ,, Hey“, sagte Chris und betrat den Raum.,, Hallo“, sagte ich kühl und meidete jeglichen Blickkontakt. ,, Wir müssen reden“, meinte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.,, Aha und über was?“, fragte Chris und schaltete seine geliebte Xbox ein. ,, Du weißt es genau! Tu nicht so blöd!“, fuhr ich ihn an.,, Was geht denn mit dir?“ Ich starrte ihn fassungslos an. Die Aufregung verschwand und wurde durch Wut ersetzt. Was fiel ihm eigentlich ein jetzt noch zu lügen? ,, Du hast Bill verprügelt!“, platzte ich heraus.,, Ach das“, Chris zuckte gleichgültig mit den Achseln.,, Er hat's doch verdient.“ ,, Was?“, krächzte ich ohne meine Wut zu verbergen.,, Ich hab euch gesehen“, setzte Chris ernst an.,, Ihr seit zusammen vom Fest gegangen.“ ,, Das hat noch lange nichts zu bedeuten!“, zischte ich.,, Ach nein? Dann sag mir mal wo ihr hingegangen seit und warum?“, fragte Chris und sah mich herausfordernd an. Ich senkte den Blick. Es fiel mir schwer aber ich musste es ihm erzählen. ,, Er hat mir geholfen.“ Chris schüttelte entschieden den Kopf.,, Geholfen? Na klar!“, murrte er. ,, Es ist so“, ich atmete tief ein.,, Kurz vor Kati's Auftritt hab ich dich gesucht. Überall! Aber du- du warst nirgends. Als ich es schon fast aufgegeben hatte kam jemand. Er hat mich gepackt und in eine dunkle Ecke gezerrt“, erzählte ich und versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben.,, Er hat versucht mich zu vergewaltigen!“ Beim Klang meiner Worte verhärtete sich Chris' Miene schlagartig. Jetzt schien er alles andere als wütend, jetzt sah ich ein Fünkchen Mitleid. ,, Zum Glück war da irgendjemand oder irgendetwas sodass er wegrannte. Nur deswegen hatte er es nicht geschafft“, fuhr ich fort.,, Du kannst dir sicher vorstellen, ich- ich war am Ende, doch dann kam Bill. Er hat mich getröstet und war total nett zu mir. Dann schlug er vor, dass ich mit ihm nach Hause komme und ihm die ganze Geschichte erzähle. Da hab ich natürlich ja gesagt und wir sind dann gegangen. Da war nichts mehr! Er hat mir echt nur geholfen!“ ,, Es tut mir leid“, murmelte Chris und sah mich wehleidig an. Ich schüttelte den Kopf. Damit würde er nicht davon kommen, schließlich war ich noch nicht fertig. ,, Aber weißt du was komisch an der ganzen Sache ist? Als Bill und ich an der Ampel standen hab ich dich auch gesehen-“, ich ließ einen leisen Seufzer aus bevor ich weitermachte.,, Der Typ, der mich vergewaltigen wollte war auch dabei. Genauso wie heute in der Disco. Was denkst du denn bin ich sonst weggegangen?“ Chris sah mich geschockt an.,, Es tut mir so leid. Das wusste ich nicht“, beteuerte er. Er stand auf und hatte natürlich nichts besseres zu tun als mich gleich zu umarmen. Ja ja, ich tat ihm ja sooo leid. Da blieb nur die Frage ob er denn nicht wissen wollte wie der Kerl, der mich beinahe missbraucht hätte aussah. Schließlich war es einer seiner Freunde und da war es mir schleierhaft weshalb er nicht wissen wollte wer von denen es war. Oder wusste er es schon? ,, Ich werde sicher nicht den Mund halten wenn die Bullen vor der Tür stehen“, sagte ich ernst als Chris endlich fertig war mich zu umarmen. ,, Ich – ich hab mich doch entschuldigt!“, entgegnete Chris mit einem Fünkchen Verzweiflung in der Stimme. ,, Das macht es auch nicht rückgängig.“ ,, Bitte! Du bist meine Freundin! Du musst auf meiner Seite stehen!“ ,, Ich muss gar nichts“, beharrte ich und beendete damit das Gespräch. So ein Idiot. Was wollte er denn? Er hatte den Jungen in den ich wohl oder übel verliebt war verprügelt und damit auch noch ausgelöst, dass dieser mich hasste. Also da war es doch mehr als gerecht, dass er dafür bestraft werden würde oder? Am liebsten wäre ich einfach gegangen. Hätte die Probleme hinter mir gelassen und wäre nach Hause gefahren. Doch schon die Tatsache, dass es zwischen mir und Bill was zu klären gab zwang mich dazu zu bleiben. Es war nicht Chris, ganz sicher nicht. Auf diesen war ich nach wie vor sauer und stellte sogar fest das meine Gefühle für ihn dahinschwanden. Schwer vorzustellen, dass man eine Person vom einen auf den anderen Tag nicht mehr liebt aber ich hatte wohl guten Grund dazu. Er hatte sich verändert. Er war nicht mehr der Chris, den ich kannte, nein er war jemand ganz anderes geworden. Der restliche Abend verlief merkwürdigerweise recht ruhig. Wobei das wohl auch daran lag, dass ich schon bald schlafen ging und Chris keine Möglichkeit bot noch einmal ein Gespräch anzufangen. ,, Guten Morgen!“, hörte ich eine bekannte Stimme nah an meinem Ohr flüstern. Schlaftrunken setzte ich mich auf und blickte durch den Raum. Chris saß vor mir und lächelte mich freundlich an. Widerlich, dieses ganze „Happy Family“- Getue. ,, Hallo“, sagte ich nur, stand auf und verschwand im Bad. Langsam wurde ich richtig wach und realisierte was alles geschehen war. Bei dem Gedanken an Bill hätte ich am liebsten wieder angefangen zu heulen konnte mich aber doch noch zusammenreißen. Irgendwie musste ich die Sache klären, doch war das überhaupt möglich? Schließlich musste viel geregelt werden. Chris musste für seine Tat bestraft werden, Bill müsste ich alles erklären und mich bei ihm entschuldigen, aber ob das wirklich so leicht war. Schließlich war es heikle Situation und es würde ihm sicher schwer fallen mir einfach so zu verzeihen. Er brauchte sicher Zeit, Zeit, die ich nicht hatte. Bald würde ich wieder wegfahren und ob ich jemals wieder herkommen würde war unklar. Wegen Chris jedenfalls nicht. Mit ihm hatte ich innerlich schon längst abgeschlossen. Bald sollte er das auch erfahren, aber jetzt nicht. Jetzt war es noch zu früh. Nach zwanzig Minuten kam ich frisch geduscht, gefolgt von einer Dampfwolke aus dem Bad. ,, Wow! Hast dich heute beeilt?“, fragte Chris, der vor dem Bad auf mich gewartet hatte. Ich sagte nichts. Warum auch? Schweigend lief ich an ihm vorbei. Schnappte mir ein Buch, setzte mich auf Chris' Bett und begann zu lesen. Nun ja, jedenfalls tat ich so. Eigentlich machte ich mir Gedanken darüber wie ich Bill's Vertrauen am besten zurückgewinnen könnte. Viele Möglichkeiten gab es nicht. Das einzigste was mir einfiel war, mich einfach zu entschuldigen, mehr hatte ich nicht parat. Das es damit wohl nicht getan sein sollte, war klar. Schließlich musste er ins Krankenhaus und würde die Folgen des Angriffs noch einige Wochen, wenn nicht sogar Monate spüren. Da fiel es mir ein. Wie ein Licht, dass plötzlich anging. Es machte Klick. Nun gut, es war nicht die beste Idee, aber ein Hoffnungsschimmer. Tom. Er konnte mir helfen. Zwar könnte es sein, dass er ebenfalls sauer auf mich war, weil Bill ihm sicher alles erzählt hatte aber trotzdem, die Chance, dass er gnädig war und mir half bestand und ich musste sie nutzen. ,, Hast du keinen Hunger?“, hörte ich Chris, der sich neben mich gesetzt hatte fragen. Ich schüttelte den Kopf.,, Mum hat was ganz leckeres gekocht. Es wird dir schmecken“, sagte er. Ich nickte. ,, Also ja?“, hakte er nach. Wieder schüttelte den Kopf. Chris hielt kurz inne und schien zu überlegen was er sagen sollte.,, Bist du immer noch sauer auf mich?“,fragte er schließlich. Ich legte das Buch weg und sah ihn durchdringend an. Was für eine Frage? Natürlich war ich sauer! ,, Du hast ihn grundlos verprügelt!“, zischte ich.,, Ich – ich war nicht alleine“, verteidigte Chris sich und fuchtelte mit den Händen herum.,, Ja, das macht die Sache natürlich viel harmloser“, bemerkte ich sarkastisch.,, Ach komm, es tut mir doch leid!“, bettelte Chris.,, Nein!“,, Bitte!“,, Nein!“ ,, Was soll ich denn tun, damit du mir verzeihst?“ ,, Geh zur Polizei“, entgegnete ich und grinste ihn triumphierend an.,, Was?“, Chris sah mich perplex an.,, Tust du es nicht, dann werde ich es tun“, fügte ich hinzu.,, Das ist nicht dein Ernst oder?“ ,, Und wie das mein Ernst ist“, bestätigte ich. ,, Du kannst mir das nicht antun! Bitte, meine Eltern werden ausrasten!“ ,, Das hättest du dir vorher überlegen können!“, fuhr ich ihn vorwurfsvoll an.,, Natascha bitte! Das kannst du doch nicht machen! Ich liebe dich und du – du liebst mich doch auch oder?“, er sah mich verzweifelt an. Ich verzerrte keine Miene. Was sollte ich jetzt sagen, wenn ich selber nicht wusste was ich für ihn empfand. Im Moment war es Wut aber ob ich ihn wirklich nicht mehr liebte wusste ich nicht. Ich seufzte und wandte meinen Blick von Chris ab. ,, Sag mir, dass du mich noch liebst!“, forderte er. Doch seine Stimme klang weder verzweifelt noch ängstlich, nein, sie klang ernst und wütend. Ich sah wieder auf. Schaute in seine Augen, die vor Wut fast brannten. Sein Blick war durchdringend, erschreckend. Es schien so, als würde er wissen was ich dachte. Doch was sollte ich sagen? Wie würde er reagieren wenn ich ihm die Wahrheit beichtete?