Art Fag
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Es gibt Momente im Leben, die einem länger vorkommen als sie eigentlich sind. Solche Momente können schön aber auch alles andere als schön sein. Wenn man gerade am Strand liegt und Sonne tankt ist es nur von Vorteil, aber wenn man auf etwas wartet ist es unerträglich und man hofft, dass dieser Moment ganz schnell vorbei geht. So war war es zum Beispiel auch bei mir. Chris' nervöse Blicke machten mich verrückt, meine Hände begannen zu schwitzen, meine Augen schienen wie erstarrt. Da kam es mir fast schon wie eine Erlösung vor als Chris den Mund öffnete und die ersten Töne von sich gab. ,, Doch doch, ich hab zugesehen. Ich und Natascha standen am Rand“, sagte er gelassen. ,, Achso okay“, Kati lächelte zufrieden und nahm einen herzhaften Biss von ihrem Brötchen. Chris warf mir einen triumphierenden Blick zu, woraufhin ich jedoch keine Miene verzog. ,, Bist du fertig?“, fragte Birgit nach einer Weile und sah mich erwartungsvoll an.,, Ja. Dankeschön“, antwortete ich, schob meinen Teller in die Mitte des Tisches und stand auf. Chris tat es mir natürlich gleich und wir begaben uns in sein Zimmer. ,, Alles okay?“, fragte er besorgt als wir dort angekommen waren.,, Was sollte das gerade eben?“, fragte ich ohne meine Wut zu verbergen.,, Was denn?“, Chris legte die Stirn in Falten. ,, Jetzt tu nicht so blöd“, fuhr ich ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust. ,, Du hast gelogen!“ ,, Ja na und? Wäre es denn besser wenn ich gesagt hätte, dass ich dich erst einmal suchen musste und deswegen nicht zuschauen konnte?“ ,, Das hättest du ja tun können wenn du mich denn wirklich gesucht hättest!“, zischte ich. ,, Ich habe dich gesucht!“ ,, Hast du nicht!“, beharrte ich. ,, Nein wirklich. Ich habe dich gesucht! Wie kommst du drauf, dass ich lüge?“ Es wäre so einfach gewesen wenn er nicht diesen Blick drauf gehabt hätte, wenn er sein wahres Gesicht zeigen würde. Er war ein Heuchler, log mich auf ganzer Linie an doch sein Gesicht sagte etwas anderes. Seine Augen blitzten aufgeregt, er wirkte eingeschüchtert, ängstlich, einfach verzweifelt. Um so schwerer fiel es mir festzustellen ob das wirklich echt oder nur gespielt war. Ich öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch alles was ich herausbrachte war ein lauter Seufzer. Ich wusste was ich sagen wollte, wie ich es sagen wollte, doch es kam einfach nichts davon heraus. Ich konnte es nicht, als wäre eine Blockade in meinem Hals, die es verhinderte. ,, Natascha?“, Chris sah mich mitleidig an. ,, Egal“, sagte ich ruhig. In diesem Moment überkam mich eine riesige Welle von Enttäuschung über mich selber. War ich denn zu feige um einen Grund zu nennen warum ich ihm nicht glaubte? Schließlich hatte ich ja recht, ich hatte gar keinen Grund Angst zu haben. Er sollte derjenige sein, der schwitzige Hände bekam, der sich vor Aufregung kaum halten konnte, der herumzappelte und bei jedem Wort zusammenzuckte aber nein, natürlich war ich das. Zugegeben, es war ein komisches Gefühl als Chris sich vorbeugte und mich umarmte. Wieso wusste ich selber nicht, wahrscheinlich lag es einfach an der Situation. ,, Wollen wir in die Disco?“, Chris' warme Worte warfen ein Lächeln auf mein Gesicht. ,, Jaaaa!“, quiekte ich, vergas dabei, dass ich eigentlich sauer war und fing mich schnell wieder. ,, Ich kenne den Türsteher also kommst du da auch rein“, strahlte Chris und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Gesagt getan. Ich hoppelte ins Bad und machte mich Disco tauglich. Ein Glück, dass ich diese Beauty Kur durchgezogen hatte, denn jetzt sah ich meiner Meinung nach besser aus als sonst und fühlte mich auch so. Nach unglaublichen zwanzig Minuten kam ich heraus. Die Haare lose, aber auch frech aufgestylt, ein dezentes Make up und damit die Optik perfekt ist ein Top und ein Minirock dazu. ,, Schön siehst du aus“, sagte Chris hektisch, griff nach meinem Arm und raste nach unten.,, Wieso hast du es so eilig?“, fragte ich verwirrt.,, Der Bus kommt gleich. Beeil dich!“ Eilig streifte ich mir meine schicken, kleinen, goldenen Schühchen über und schon waren wir draußen. Es war noch schön warm und man konnte den Sonnenuntergang bewundern. Doch dafür war keine Zeit. Chris zog mich grob mit sich mit und wir kamen schnaufend an der Bushaltestelle an. Gerade noch rechtzeitig, denn der Bus kam nur eine Minute später. ,, Wenn du nur eine Minute länger im Bad gebraucht hättest, dann müssten wir auf den nächsten waren“, meinte Chris erschöpft als wir uns an einen schicken Platz im Bus gesetzt hatten. ,, Ja ja“, sagte ich nur und schaute aus dem Fenster. Ich hatte wenig Lust mich mit Chris zu streiten, heute wollte ich endlich Spaß haben, einfach mal richtig Party machen. Das musste zwar mit Chris sein und gewiss war ich immer noch sauer auf ihn, aber was solls. Wenn schon, denn schon. Endlich angekommen mussten wir erst einmal einige Minuten in der Schlange warten bis uns Thomas, der Türsteher ohne Frage nach dem Ausweis oder jegliches hereinließ. Zwar war es erst kurz nach neun aber der Schuppen war schon ziemlich voll und wir schafften es nur mit Mühe zum Tresen. ,, Willst du etwas trinken?“, rief Chris.,, Was?“, rief ich zurück.,, Trinken? Willst du?“, wiederholte Chris und rief dabei noch lauter.,, Ja“, rief ich und nickte.,, Was willst du?“.,, Sangria!“ Chris wandte sich von mir ab und rief einen Barkeeper. Ich setzte mich derweil auf einen Barhocker und sah mich etwas um. Die Musik war laut, die Leute tranken Alkohol und hatten einfach Spaß. Es versprach ein toller Abend zu werden. ,, Hier“, hörte ich Chris rufen und zuckte erschrocken zusammen.,, Danke“, rief ich und begann zu trinken. Schon bald war das Glas leer und nun ja, bei wem bleibt es schon bei nur einem Glas. Das zweite hatte ich ebenfalls schnell leergetrunken und bei dem Dritten konnte das auch nicht mehr lange dauern. ,, Jetzt aber nichts mehr“, sagte Chris und beugte sich dabei zu mir um nicht schreien zu müssen. ,, Wieso?“, ich sah ihn flehend an.,, Mir geht's noch gut.“,, Ja noch! Nach dem vierten geht's dann los.“,, Wenn du meinst. Wollen wir tanzen?“, fragte ich, hüpfte von dem Barhocker und stellte mich vor Chris.,, Neee. Ich will nicht“, sagte dieser nur und verzog das Gesicht.,, Meno“, ich setzte meinen berühmten Dackelblick auf.,, Nö“, beharrte Chris.,, Langweiler“, sagte ich und streckte ihm die Zunge heraus. Enttäuscht setzte ich mich wieder hin und nippte weiter an meinem Glas Sangria. Es sollte so ein toller Abend werden, aber nein! Chris musste durch seine Faulheit mal wieder alles kaputt machen. Er wollte doch hier hin, er hatte den Vorschlag gemacht, nicht ich. ,, Chrihiiiis?“, setzte ich an und lehnte mich an seine Schulter.,, Mir ist langweilig.“ Chris öffnete den Mund. Voller Hoffnung, dass er mich zum Tanzen auffordern würde begannen meine Augen zu strahlen doch ich wurde bitterlich enttäuscht. ,, Timooo!“, rief Chris und streckte seinen Arm nach oben um zu winken.,, Sebbe, Marco, kommt her!“ Ich sah mich um. Wen zum Teufel meinte er? Und dann sah ich sie. Drei Typen kamen direkt auf uns zu. Auf den ersten Blick sahen sie recht nett aus, bis auf einen. Mir lief ein Schauer über den Rücken als ich erkannte wer es war.,, Nein“, murmelte ich. Ich sah in seine böse funkelnden Augen, das fiese Lächeln und den grimmigen Gesichtsausdruck. Im ersten Moment konnte ich es kaum fassen, doch es war die Realität. Er war es wirklich. Der Kerl, der mich beinahe vergewaltigt hätte. Ja ja ich weiß. Es war nicht sonderlich nett einfach abzuhauen aber was sollte ich denn sonst tun? Schließlich hatte ich einen guten Grund Angst zu haben und da war wegrennen einfach die allerbeste Möglichkeit. Ich drängelte mich durch die wild hin und her schwankenden Leute. Die meisten nennen das Tanzen. Es dauerte zwar seine Zeit aber mit „Entschuldigung, darf ich mal – danke“ kam ich schließlich bei den Toiletten an. Davor hatte sich natürlich schon eine lange Schlange gebildet wobei man bedenken muss, dass es gerade mal kurz nach halb zehn war. Um mich nicht anstellen zu müssen beschloss ich einfach zu gehen. Chris würde es sicher nicht bemerken, schließlich hat er mich auch nicht wegrennen gesehen. Also machte ich mich wieder auf die Socken und drängelte mich durchs Gewirr. Einige Betrunkene hielten es für nötig mich beim vorbeigehen zu begrapschen aber nun ja, das war jetzt egal. Am Ausgang angekommen holte ich erst einmal tief Luft und sah mich nach Chris und seinen Freunden um. Sie durften mich nicht sehen, sonst könnte ich es gleich vergessen. Ich wollte gar nicht wissen was passieren würde wenn sie mich entdecken würden, wenn ich dem Arschloch noch einmal in die Nähe kommen müsste. Doch glücklicherweise waren sie nirgends zu sehen. Jetzt konnte ich gehen, doch schon mit einem Fuß draußen wurde ich aufgehalten. ,, Natascha!“, hörte ich eine mir bekannte Stimme rufen und drehte mich schlagartig um. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht als ich erkannte wer es war. ,, Tom“, quiekte ich und ging zu ihm rüber.,, Was tust du hier?“, fragte ich und merkte erst danach wie bescheuert die Frage doch war.,, Das was man so macht“, lachte Tom und sah mich erwartungsvoll an. Zunächst war ich doch tatsächlich so blöd und merkte nicht, dass er mir damit weiß machen wollte, dass ich mit ihm tanzen sollte, doch als der Groschen gefallen war zögerte ich nicht sonderlich lange. Tom griff nach meiner Hand und schleifte mich auf die Tanzfläche. In dem Moment vergaß ich wohl alles um mich herum. Ich vergaß, dass Chris mich hier noch besser entdecken konnte, ich vergaß, dass der Möchtegernvergewaltiger dabei war, ich vergaß einfach alles. Genoss es einfach mit Tom zu tanzen, mich einfach gehen zu lassen. Nach einem zehnminütigen Tanz verließen wir erschöpft die Tanzfläche und setzten uns an die Bar. Glücklicherweise gab es hier zwei und wir setzten uns natürlich nicht an die, an der ich vorhin mit Chris war. ,, Willst du etwas trinken?“, fragte Tom worauf ich prompt mit ja antwortete. Eigentlich hatte ich ja schon genug getrunken aber es wäre doch unhöflich nein zu sagen oder? Einige Momente später hatte ich ein Glas Bloody Mary in der Hand und war dabei betrunken zu werden. Und wie jeder weiß, kann Alkohol einen sehr verändern und man tut Dinge, die man später bereut. ,, Ist Bill auch hier?“, fragte ich nach einer Weile.,, Er wollte später kommen“, antwortete Tom. ,, Achso. Und wann?“ Tom legte die Stirn in Falten.,, Keine Ahnung. Später halt.“,, Ah okay“, murmelte ich und sah in mein Glas. Es war leer, was mich in dem Moment fast schon schockte, da ich meiner Meinung nach ganz langsam getrunken hatte.,, Tom, bestellst du mir noch so eins?“, ich lächelte ihn erwartungsvoll an.,, Nein“, grinste Tom.,, Du bist ja jetzt schon betrunken. Gehen wir lieber etwas tanzen.“ Gesagt getan. Ohne zu zögern oder gar auf meine Antwort zu warten zerrte Tom mich wieder auf die Tanzfläche. Vorher hatten wir noch ziemlich weit auseinander und locker getanzt, doch das war vor meinem vierten Glas Alkohol. Ich weiß nicht mehr wer von uns auf die Idee kam, doch schon nach zwei Minuten tanzten wir eng, ja sogar sehr eng aneinander. Eigentlich sollte ich doch ein schlechtes Gewissen bekommen oder? Schließlich hatte ich einen Freund, doch die Tatsache, dass ich sauer war und unter Alkoholeinfluss stand blockte jedes noch so schlechte Gefühl ab. Ich genoss es einfach. Ich genoss es Tom's Nähe zu spüren, in seine Augen zu sehen, einfach Spaß zu haben. Das ich zu weit ging bemerkte ich gar nicht. Ich bemerkte nicht wie Tom's Hände meine Taille umschlangen, wie ich meinen Kopf auf seine Schulter legte und wir einfach nur so dastanden. Einige Momente sahen wir uns einfach nur an, ohne etwas zu sagen. Tom neigte seinen Kopf zu meinem herunter. Es war falsch, es war gemein und ich müsste mich schrecklich fühlen. Doch nicht in diesem Moment. Ich schloss meine Augen und schon passierte es. Seine Lippen waren weich und zart, was den Kuss noch viel schöner machte. Doch dabei blieb es nicht. Tom hauchte mir viele Küsse auf den Mund und ging dann zu meinem Hals über. Ich spürte seine Zunge, wie sie zart über meinen Hals strich, seine Lippen, wie sich daran festsaugten. Es war ein wunderschöner Moment und ganz egal wie falsch oder richtig es war ich konnte und wollte es nicht aufhalten. Tom löste sich von meinem Hals und wechselte ohne aufzuatmen wieder zu meinem Mund. Diesmal waren es nicht nur kurze, zarte Küssen, nein, diesmal gewährte ich ihm Einlass. Tom spielte mit meiner Zunge, was ich nur erwidern konnte. Seine Hände wanderten tiefer, strichen über meinen Po und umfassten schließlich wieder meine Taille. Erst nach einigen Minuten lösten wir uns von einander und ich musste zunächst nach Luft schnappen. Ich sah zu Tom, der ebenfalls außer Atem war und plötzlich kam alles hoch. Das schlechte Gewissen stieg gnadenlos in mir auf und erlangte Oberhand. Ich fühlte mich schrecklich. Was hatte ich nur getan, wie konnte ich nur einen anderen küssen. Wie konnte ich nur so etwas tun? Das wohl schlimmste an der Sache war, dass ich mich nicht schuldig gegenüber Chris fühlte. Nein. Es war Bill. Erst jetzt wurde es mir bewusst. Erst jetzt bemerkte ich, dass da mehr war. Mehr als nur Freundschaft. Ja, er war mehr als nur mein Tröster. Ich weiß, dass klingt komisch aber was sollte ich denn gegen meine Gefühle tun? Es wäre sinnlos sie zu unterdrücken aber genauso falsch sie zu zeigen. Und jetzt? Jetzt hatte ich einen Freund, war in jemand anderen verliebt und knutschte mit dessen Bruder. Was war nur mit mir los? Wie kam ich nur zu solchen Dummheiten? ,, Tom“, setzte ich an.,, Ja“, er blickte mich erwartungsvoll an.,, Es - es tut mir leid. Ich- ich. Es ist so – ich“, stammelte ich.,, Schon gut. Es ist wegen Bill nicht wahr?“ Ich nickte. Tom senkte den Kopf. Seine Enttäuschung war nicht zu übersehen.,, Es tut mir leid“, flüsterte ich.,, Du warst, naja bist, betrunken. Ist schon okay. Ich sag Bill nichts“, Tom zwang sich zu einem Lächeln.,, Danke“, sagte ich und umarmte ihn.,, Ich glaube ich werde dann mal gehen“, sagte ich.,, Okay, bis irgendwann mal.“ Und schon war ich weg. Ich drängelte mich wieder durch die Leute und ließ mir so einiges durch den Kopf gehen. Wie sollte es jetzt weiter gehen? Ich betrog meinen Freund aber fühlte mich Bill gegenüber schuldig. Wie konnte das sein? Wie konnte ich in jemanden verliebt sein, den ich gerade mal einige Tage kannte? Endlich draußen atmete ich tief ein. Die frische Luft tat gut, es kam mir vor als wäre ich aus einem heißen Kochtopf herausgekommen. Ich machte mich auf den Weg zur Bushaltestelle, doch da sollte ich nicht ankommen. Ich erstarrte, mein Blut hörte auf zu fließen und fror ein. Jeder Muskel schien zu verkrampfen, das einzigste was ich spürte war Entsetzen. Entsetzen über das was ich sah. Hatte ich gesagt, dass Chris mit dem Kerl, der mich vergewaltigen wollte zu sehen der Schock meines Lebens war? Ja? Ich nehme alles zurück, denn das ist viel schlimmer.