Art Fag
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,, Kommst du?“, hörte ich Bill fragen. Ich drehte mich zu ihm um, wollte etwas sagen, doch es kam kein Ton heraus.,, Alles okay?“, Bill legte die Stirn in Falten. Ich sagte nichts, sah ihn nur perplex an. Unfähig klar zu denken, unfähig mich zu bewegen. Ich spürte wie Tränen in meine Augen schossen, wie ein kalter Schauer meinen Körper durchfuhr, wie meine Hände zu zittern begannen. Es war so unwirklich, so unvorstellbar, aber es war die Realität. Die bittere Realität. ,, Natascha“, hörte ich Bill bemittleidend sagen und spürte daraufhin seine Hand auf meiner Schulter. Erst jetzt merkte ich, dass die Tränen schon längst am Laufen waren. Ich wollte, doch konnte sie nicht halten.,, Komm wir gehen“, sagte Bill ruhig, legte einen Arm um meine Schulter und wir überquerten die Straße. Er war so lieb zu mir. Wir kannten uns kaum und er kümmerte sich so toll um mich. Und was machte ich? Ich log ihn an. Eiskalt. Doch daran konnte ich jetzt nicht denken. Es war nicht Bill, der mich zum Weinen brachte, nein es war der Typ, der bei dem Arschloch, das mich vergewaltigen wollte stand. Es war Chris, mein Freund, dem ich immer vertraut hatte. Bis jetzt. Was sollte ich nur denken? Hatte er davon gewusst? Was würde er sagen, wenn ich ihn darauf ansprechen würde? Hatte er etwas zu verbergen? So viele Fragen und keine Antwort. Wir liefen noch ein ganzes Stück und ich bekam langsam einen klaren Kopf. ,, Wie weit ist es denn noch?“, fragte ich.,, Wir müssen zur Bushaltestelle. Dann nehmen wir den Bus und fahren bis nach Loitsche“, entgegnete Bill, anscheinend froh darüber, dass ich endlich etwas sagte.,, Du wohnst nicht hier?“,, Nein, aber Loitsche ist hier ganz in der Nähe. So ein kleines Kaff.“, entgegnete Bill. ,,Und das du einfach so gehst, ist das denn okay?“, hakte ich nach.,, Ja, wir waren eh fertig. Die anderen machen sicher noch Party.“,, Tut mir leid“, sagte ich und setzte einen Dackelblick auf. ,, Wenn ich nicht wäre könntest mit den anderen etwas feiern.“,, Nein, schon okay“, sagte Bill gelassen und lächelte mich an. Nach etwa fünf Minuten kamen wir an der Bushaltestelle an und mussten erst einmal auf unseren Bus, der nach Loitsche fuhr warten. ,, Euer Auftritt war toll“, sagte ich schließlich und brach somit das wieder entstandene Schweigen. ,, Danke. Leider haben ja nicht so viele zugehört, aber was solls“, sagte Bill.,, Wer hat da eigentlich so geschrieen? Da kam doch auch Polizei und so nä?“, hakte er nach und sah mich durchdringend an.,, Ja. Polizei und auch ein Krankenwagen. Jemand wurde zusammengeschlagen“, antwortete ich und bekam eine Gänsehaut, da ich wieder an den übel zugerichteten Jungen denken musste.,, Ohje. Bestimmt wieder irgendeine Bande, die sich einen Spaß daraus macht“, fügte Bill hinzu und ließ seinen Blick auf den Boden sinken. Nach einigen Minuten kam endlich der Bus und wir machten es uns in der letzten Reihe gemütlich. Durch die Fensterscheibe bemerkte ich wie furchtbar ich aussah. Die Haare waren total durcheinander, die Schminke zog eine schwarze Linie bis zum Kinn und wenn ich an mir heruntersah bemerkte ich auch, dass meine Kleidung dreckig war. Doch egal wie scheiße ich in dem Moment aussah es gab Wichtigeres. Zum Beispiel die Frage, weshalb Chris bei dem Kerl, der mich vergewaltigen wollte stand und warum er die ganze Zeit weg war. Und dann war auch noch der Angriff auf den Jungen. Zunächst machte ich mir keine Gedanken darüber wer es denn war aber nun sah die Sache anders aus. Jetzt hatte ich eine rege Vermutung. Eine Vermutung, die mich mehr als nur schockte. ,, Wir müssen gleich raus“, Bill tippte auf meine Schulter und holte mich so aus meinen Gedanken. ,, O-okay“, stammelte ich und wir standen auf. Als wir ausstiegen war ich schon etwas geschockt Loitsche zu sehen. Bill hatte auf keinen Fall übertrieben, wenn nicht sogar untertrieben. Loitsche war ein richtiges Kaff. ,, Schön ist es hier“, sagte ich und setzte ein hämisches Grinsen auf.,, Ja ja. Seeeehr schön!“, lachte Bill. Er griff nach meiner Hand und steuerte mit mir auf ein einstöckiges Haus zu. ,, Hier wohn ich“, sagte er fast schon stolz.,, Traumhaft“, entgegnete ich lachend, worauf Bill mit einem Grunzen reagierte. Ich folgte ihm durch den Garten zur Haustür, die er nach langem Schlüsselsuchen aufschloss und wir das Haus endlich betraten. ,, Willst du etwas trinken?“, fragte Bill und klatschte nervös in die Hände, was ich ziemlich süß fand, da er anscheinend nervös war. ,, Ja wieso nicht. Bring mir was da ist.“,, Okay. Geh du schon mal in mein Zimmer. Es ist das ordentlichere. Gesagt getan. Ich lief die Treppe hoch und stand zwei offenen Türen gegenüber. Beide Zimmer sahen auf den ersten Blick unordentlich aus, aber das eine mehr als das andere. Also betrat ich das ordentlichere, wenn man das überhaupt so nennen konnte und sah mich etwas um. Bill war anscheinend kein großer Fan von Dekozeugs, denn sein Zimmer war ziemlich trist und langweilig. Überall lag Kleidung und Papier herum. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich, das es Songtexte waren und las sie mir durch. Einer davon war „Rette mich“, ein anderer hieß „Ich bin nicht ich“ und ein weiterer „Freunde bleiben“. Er hatte alles selber geschrieben, jedes einzelne Lied. Es faszinierte mich, dass Leute auf solch tolle Songideen kommen. Ich selber war längst nicht so kreativ. ,, Hey“, hörte ich Bill rufen und drehte mich schlagartig um. Er stand mit zwei gefüllten Gläsern und einer MC'Donaldstüte in der Hand vor der Tür und grinste mich an. ,, Die ist von gestern“, sagte er, kam herein und stellte alles auf seinem Schreibtisch ab. ,, Du hast Glück. Ich habe hunger“, sagte ich und stupste ihn leicht in die Seite. Wir setzten uns auf sein Bett und begannen zu essen. Es tat gut wieder mal etwas gescheites zwischen die Zähne zu bekommen. Bei Chris zu Hause gab es nur das feinste vom Feinsten. Wobei das noch längst nicht hieß, das es schmeckte. ,, Also“, setzte Bill nach einer Weile an.,, Erzähl mir was passiert ist.“ Ich hielt inne. Hörte auf zu kauen, mich zu bewegen, zu atmen, sah Bill nur regungslos an. Sollte ich ihm die Wahrheit sagen oder lügen? Er hatte es nicht verdient belogen zu werden, ich musste ihm die Wahrheit sagen. Ich musste das tun, was ich eigentlich schon bei unserem ersten Treffen tun sollte. Ich musste ihm das mit Chris beichten. ,, Bill“, begann ich und sah ihm tief in die Augen. Scheiße! Da war sie wieder. Die Blockade. Ich konnte nicht. Ich konnte ihm nicht die Wahrheit sagen. Aber warum nur? Wieso log ich ihn an? Wieso sagte ich ihm nicht einfach, dass ich einen Freund hatte. Und plötzlich wurde mir alles klar. Es war wie ein dichter Nebel, der sich langsam auflöste und die Sonne hervorkommen ließ. Jetzt wusste ich wieso ich ihn anlog. Bill sah mich erwartungsvoll an. Seine braunen Augen blitzten vor Anspannung und seine Gesichtszüge schienen erstarrt. ,, Es ist so“, setzte ich fort und wandte meinen Blick von ihm ab. Ich entschloss mich dazu, ihm wenigstens zu erzählen, dass ich fast vergewaltigt worden bin. Schließlich konnte ich ihn ja nicht auf ganzer Linie belügen. Also schüttete ich ihm mein Herz aus. Lies kein Detail aus, als wären wir schon jahrelang befreundet. Diesmal riss ich mich zusammen, fing nicht an zu weinen und war am Ende froh darüber es endlich los zu sein. Bill sah mir dabei die ganze Zeit in die Augen, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ein Wort zu sagen. Auch als ich fertig war sah er mich nur an. Sagte nichts. Vielleicht war das der Grund dafür, dass ich doch wieder zu weinen begann. Ich weiß es nicht genau, aber ich spürte die ersten Tränen mein Gesicht herunterkullern. Bill rutschte etwas näher zu mir hin und umarmte mich.,, Das hat er nicht umsonst getan. Er wird es büßen“, sagte er im Flüsterton. Was er genau damit meinte wusste ich nicht. Aber ehrlich gesagt kümmerte es mich in diesem Moment auch nur sehr wenig. Ich ließ mich noch mehr in seine Umarmung fallen und genoss es einfach. Die Stille, die Wärme seines Körpers, es tat alles so gut. Ich hatte jemanden, der mir beistand. Erst nach etwa fünf Minuten streichelte Bill mir noch einmal über den Rücken und wendete sich anschließend ab. ,, Danke“, flüsterte ich lächelnd. Jetzt wäre der perfekte Moment ihn zu küssen. Alles passte, nur die Tatsache, dass ich einen Freund hatte hinderte mich daran. ,, Nichts zu danken“, sagte Bill ebenfalls im Flüsterton und legte seine Hand auf meine. ,, Wo wohnst du eigentlich? In Magdeburg oder?“, fragte er schließlich, nachdem wieder ein Schweigen entstanden war.,, Nein, ich wohn in Hamburg“, antwortete ich. Bill gab ein enttäuschtes Grunzen von sich.,, Also bist du hier nur zu Besuch?“, hakte er nach worauf ich hektisch zu nicken begann. Es freute mich, dass er nicht fragte wen ich denn besuchte, so konnte ich vermeiden ihn wieder anzulügen.