Art Fag
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,, Wieso kommt deine Mutter eigentlich nicht mit?“, fragte ich als wir auf dem Weg zu Katis' Auftritt waren. ,, Die hat keinen Bock“, antwortete Chris grinsend. ,, Tritt da nur Katis Balettgruppe auf?“ ,, Ne ne. Da ist doch grad dieses Straßenfest, da kommen also noch viele andere Deppen.“ ,, Wie nett du doch bist“, witzelte ich und stupste Chris leicht in die Seite. ,, Da sind wir!“, sagte Chris trocken nachdem wir unglaubliche 2km doch tatsächlich zu Fuß gelaufen sind. Ich wiederhole: Zu Fuß! Also, dass es mal jemand schafft mich dazu zu überreden. Ich blickte auf eine Landschaft aus vielen verschiedenen Verkaufs- und Essensständen, kleinen Karussells und jeder Menge anderem Schnick Schnack. Alles war verziert, festlich geschmückt und erinnert mich an das Straßenfest in Hamburg obwohl es wenn man von der Größe aus ging mehr Platz beantspruchte. Kein Wunder, gegenüber von Hamburg war Magdeburg ein Kaff. Wir drängelten uns durch das dichte Gestrüp zwischen den einzelnen Ständen und kamen nach langem hin und her Laufen bei der Bühne an. Sie war nicht sonderlich groß, aber es war nur ein Straßenfest, was sollte man schon erwarten. ,, Hier ist es echt schön“, sagte ich, klammerte mich an Chris' Arm fest und lehnte meinen Kopf daran. ,, Finde ich auch“, sagte der lies seinen Blick durch die Menge schweifen. ,, Suchst du wen?“, fragte ich und hob den Kopf. ,, Ne ne. Ich wollte nur- Ich dachte da wäre- ach egal“, stammelte Chris und vermied jeglichen Augenkontakt. Plötzlich fiel mir die Sache von heute Morgen ein. Als ich aufwachte war er einfach weg und ich war noch nicht dazu gekommen ihn zu fragen wo er denn überhaupt war. ,, Chris?“, sagte ich in einer ungewohnt piepsigen Tonlage. ,, Ja?“ ,, Wo warst du heute Morgen?“, fragte ich.,, Als ich aufgewacht bin warst du weg.“ Chris schaute zu Boden. Vermied es immer noch mir in die Augen zu sehen. Weswegen? Was hatte er zu verbergen? ,, Chris?“, hakte ich nach und schaute ihn erwartungsvoll an. Endlich hob er seinen Kopf , warf mir einen verzweifelten Blick zu und öffnte den Mund um etwas zu sagen. Doch dazu kam es gar nicht erst. Ein lauter, verzweifelter Schrei übertönte jedes andere Geräusch. Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Niemand schien etwas zu sagen, sich zu bewegen oder zu atmen. Ein weiterer, entsetzter Schrei durchfuhr das gesammte Gelände. Unruhe machte sich breit. Einige verließen hektisch das Fest, andere stürmten zum Getümmel, dass sich rund um einen Stand gebildet hatte. ,, Komm. Das sehen wir uns an“, sagte Chris erregt und noch bevor ich protestieren konnte, hatte er mich am Arm gepackt und zog mich mit sich her. Mich durchfuhr ein kalter Schauer als ich zwischen den vielen Menschen, die genauso geschockt wirkten jemanden liegen sah. Reglos. Die Person sah stark mitgenommen aus. Das Gesicht war blutverschmiert, die Wangen übersäät von tiefen Ritzen, ein Bein lag in einer merkwürdigen Stellung was mich stark vermuten ließ, dass es gebrochen war. Ich sah in seine braunen Augen. Sie standen offen, starrten ins Nichts als wäre das letzte Fünkchen Leben aus ihnen entwichen. Wie in Trance torkelte ich zurück und ließ mich auf eine Bank sinken. Immernoch das Gesicht dieses Jungen vor Augen. Wie konnte man jemanden denn nur so wehtun? Wer war zu so etwas fähig? Um was zum Teufel hatte er das verdient? ,, Natascha!“, hörte ich jemanden rufen und realisierte einige Momente später, dass es Chris war. Er kam auf mich zugerannt und setzte sich ebenfalls hin.,, Alles okay mit dir?“, fragte er besorgt und legte eine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich sah ihn verzweifelt an, sagte jedoch nichts. Chris stand auf und verschwand tonlos in der Menge. Auch ich hatte keine Lust mehr zu sitzen und beschloss an einen Ort zu gehen an dem es nicht so laut war. Ich steuerte auf die Bühne zu und setzte mich auf die Bänke davor. Von weitem beobachtete ich das Geschehen. Ein Polizei- sowie auch ein Krankenwagen trafen ein und das Opfer wurde abtransportiert. Die Polizei blieb natürlich noch und sprach mit einigen Leuten. Verständlich, es musste ja geklärt werden welches Schwein oder welche Schweine es waren. Wieder ertönte ein lautes Geräusch. Doch diesmal war es kein Schrei. Es klang viel schriller und tat richtig weh.,, Ist das an?“, hörte ich jemanden ziemlich laut sagen und konnte im ersten Moment nicht bestimmen aus welcher Richtung es kam.,, Toooom! Mach das scheiß Ding aus!“, schrie jemand. Erst jetzt bemerkte ich das der Ton von den Lautsprechern stammt. Jemand hatte wohl mit dem Mikro rumgespielt und ausversehen angemacht. Dummerweise verursachen diese Teile schreckliche Geräusche wenn man sie anlässt und ablegt. ,, Wie mache ich das aus?“, fragte der Junge mit gedämpfter Stimme, weil er das Mikro wahrscheinlich mit seiner Hand bedeckte damit man ihn nicht hören konnte. ,, Gib her“, sagte jemand genervt. Es machte kurz 'Klick' und schon war es still. Nach der Reihe kamen vier Jungs auf die Bühne. Zwei bauten ein Schlagzeug auf, einer kniete sich vor seine Gitarre und tat so als wenn er etwas zu tun hätte und ein weiterer machte es ihm gleich. Dieser andere war kein geringerer als Bill was ich jedoch im ernst Moment nicht realisierte. Keine Ahung warum. ,, Bill!“, rief ich und winkte ihm lächelnd zu.,, Hey!“, rief Bill zurück und sprang anschließend von der Bühne. Er sah mich angestrengt an.,, Na-“, murmelte er.,, Na- Natascha stimmts?“ Ich nickte. ,, Wie geht es dir?“, fragte ich nach einer kurzen aber trotzdem peinlichen Pause.,, Gut.“ Bill wirkte etwas verlhalten.,, Wir- wir- naja eigentlich nur Georg und Gustav bauen gerade auf. Nachher haben wir einen Auftritt.“,, Cool. Also du- du ...“, ich spielte natürlich extra die Dumme, man braucht doch Gesprächsstoff.,, Ich spiele in einer Band. Ja“, Bill beendete den Satz und grinste mich anschließend an.,, Ich hoffe nur es kommen auch welche. Aber wenn ich mir das so ansehe ...“, er kniff die Augen zusammen. ,, Ach was solls. Du schaust ja zu nicht?“ Ich nickte hektisch und Bill lächelte mich zufrieden an. ,, Also dann. In einer halben Stunde geht es los“, sagte er gab mir einen sanften Klaps auf die Schulter und sprang wieder auf die Bühne. Er und sein Bruder Tom stellten sich nah aneinander und redeten über mich. Jedenfalls schien es so, da sie alle zwei Sekunden auf mich deuteten, oder anstarrten. Tom grinste einige Male und Bill erzählte immer weiter und weiter. Was er wohl über mich zu berichten hatte. Bill behielt leider Recht. Fünf Minuten vor dem Auftritt waren ich und drei andere die einzigsten, die sich bereit erklärt hatten ihnen zuzuhören. Das schien die vier jedoch nur wenig zu stören. Bill sagte das erste Lied an und schon ging es los. 'Jung und nicht mehr jugendfrei', hieß es und war eigentlich ganz gut. Ja, sogar sehr gut. Danach folgte 'Rette mich', wobei ich bei dem Titel schon eine Gänsehaut bekam. Die ersten Töne erklangen. Tom spielte ein kurzes Intro und Bill fing an zu singen. Zum ersten mal alleine, in unserem Versteck Ich seh noch unsre' Namen an der Wand Und wisch sie wieder weg ... Komm und rette mich Ich verbrenne innerlich Komm und rette mich Ich schaffs nicht ohne dich! ,, Wuuuuu!“, machte ich und klatschte Beifall. Schon möglich das mein Jubelgeschrei etwas komisch rüberkam aber was solls. ,, Danke“, sagte Bill ins Mirko und warf mir ein dankbares Lächeln zu. ,, Also und jetzt -“, sagte Bill wurde jedoch von einem bärtigen Mann gestört, der unerwartet auf die Bühne stürmte. Ich sah nur noch wie Bill ein enttäuschtes „Ach Maaaann!“, brummte und hinter der Bühne verschwand. Die anderen drei warfen sich kurz fragende Blicke zu und verschwanden dann ebenfalls hinter der Bühne. Naja fast alle. Tom bewies mit einem herzhaften Sprung von der Bühne, dass man auch mit einer übergroßen Hose beweglich sein konnte und im Stande war solche atemberaubenden 'Stunts' zu vollziehen. Ich musterte ihn unmerklich. Im Gegensatz zu Bill trug er keine Schminke und war ihm auch sonst nicht sonderlich ähnlich. Er hatte Kleidung an, die ihm sicherlich einige Nummern zu groß war und hatte, was mir sehr gefiel, Dreadlocks. Kurz um, er machte einen auf Hip Hopper. ,, Hi“, sagte Tom grinsend und setzte sich neben mich.,, Hey.“,, Wie war der Auftritt? Hat er dir gefallen?“,, Hast du meinen Applaus nicht mitgekriegt? Das war der Hammer. Ihr seit echt gut“, sagte ich begeistert und Tom entfuhr ein zufriedenes Brummen.,, Warum musstet ihr denn schon so früh aufhören?“,, Ach jetzt kommt eine Ballettgruppe“, Tom verzerrte angenervt das Gesicht. ,, Wir haben angeblich zu spät angefangen.“ Katis Balletgruppe! Deswegen war ich ja hier. Wegen dem Auftritt und dem verletzten Jungen hatte ich das total vergessen. Jetzt hieß es bloß Chris suchen. Schließlich war ich nur wegen ihm erst hergekommen. Außerdem durften noch Bill weder Tom oder die anderen zwei aus der Band uns zusammen sehen also musste ich mir einen genialen Plan ausdenken. Und klug wie ich war fiel mir prompt einer ein. ,, Ich werde dann mal gehen. Wir werden uns sicher noch sehen. Machs gut.“ Und schon war ich weg. Langsam bewegte sich die Masse in Richtung Bühne. Wollten die denn alle kleine Mädchen schlecht Ballet tanzen sehen? ,, Chris!“, schrie ich und lief kreuz und quer durch das ganze Gelände. Doch auch nach einer zehnminütigen Suche fand ich ihn nicht. Verdammt, was war los? Vorhin war er noch total scharf darauf seine Schwester auf der Bühne zu sehen und jetzt? Außerdem wusste ich noch immer nicht wo er heute Morgen wirklich war. Erschöpft lehnte ich mich gegen einen leeren Süßikeitenstand und atmete tief ein. Wo steckte er bloß? Wieso ließ er mich alleine? Verdammt es waren so viele Fragen und ich bekam keine Antworten darauf. Völlig unerwartet tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Voller Hoffnung, dass es Chris war drehte ich mich um. Diese Hoffnung verschwand als mich ein unbekannter Junge angrinste. Es war kein freches, süßes oder gar nettes Grinsen. Nein, es war ein bedrohliches. Ich öffnete den Mund. Wollte etwas sagen, doch der Junge presste eine Hand auf meinen Mund und blitzte mich triumphierend an. Was wollte er?